Archiv des Autors: Gani

Guten Appetit … (2008)

Heute wurde ich Zeuge eines Ereignisses, das mich stark berührt hat. Es geschah in meinem Garten, in einem Hinterhof mitten in Hamburg:

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Der Sperber zerrupfte und fraß die Taube, während diese noch mit den Flügeln schlug. Er war ganz auf seine Beute fixiert und ließ sich durch meine Anwesenheit kaum stören.

Ich fragte mich, wie es sich wohl anfühlt für die Taube, bei lebendigem Leib gefressen zu werden.

Ich hatte ein tiefes Mitgefühl mit der Taube und war gleichzeitig fasziniert von der Lebenskraft des Sperbers. Der Sperber hatte kein Mitgefühl. Hochkonzentriert zerfleischte er seine Mahlzeit.

Es gab in dieser Szene kein Gut und kein Schlecht. Es gab nur ein wertfreies Leben und Sterben. Das eine nährt sich aus dem anderen.

Das Ereignis war in sich eine vollkommene Einheit.
Diese Vereinigung von Leben und Sterben – das ist Existenz.

 

Zwei Tauben (2001)

Eines Nachmittags, Karolinenstrasse, Hamburg:

Eine Taube flattert hektisch auf und ab, hin und her. Am Straßenrand eine zweite Taube, sie humpelt, sie ist am Bein verletzt. Sie versucht, die Strasse zu überqueren. Die Ampel schaltet auf grün, auf zwei Spuren donnern die Autos heran. Die andere Taube landet und treibt die verletzte Gefährtin von der Strasse zurück auf den Gehsteig. Dieses Schauspiel wiederholt sich noch einige Male. Immer dann, wenn die Autos heranrasen, versucht das verletzte Tier auf die Strasse zu gelangen, wird aber von der gesunden Taube mit vollem Körpereinsatz daran gehindert.
Irgendwann jedoch, nach etlichen vergeblichen Versuchen, erreicht die verletzte Taube ihr Ziel. Mit letzter Kraft und einer Körpertäuschung, die eines Messi oder Ronaldo vollends würdig gewesen wäre, windet sie sich an ihrer Gefährtin vorbei, wirft sich die Strasse und stirbt einen schnellen Tod unter den ahnungslosen Breitreifen eines LKW.
Völlig verstört, mit taumelnden, hektischen Bewegungen flattert die zweite Taube in etwa 3 Meter Höhe über der Unfallstelle.
Ich bin ca. 10 Meter entfernt und spüre ihren Schmerz, ihre Ohnmacht und Verzweiflung bis in die letzte Zelle.
Die Ampel schaltet auf rot, die Strasse ist wieder frei. Die Taube landet bei ihrer toten Partnerin, tippelt um den plattgewalzten Körper herum. kurz von ihr fort, und dann und wieder zu ihr hin, als könne sie das Erlebte nicht fassen. Sie wirkt völlig desolat und ist offensichtlich total geschockt. Die nächste Welle Autos rollt an.
Die Taube zögert einen Augenblick, dann, unmittelbar vor den heranbrausenden Autos und in allerletzter Sekunde, fliegt sie auf, dreht noch drei Kreise über der Unfallstelle – und davon.