Zwei Tauben (2001)

Eines Nachmittags, Karolinenstrasse, Hamburg:

Eine Taube flattert hektisch auf und ab, hin und her. Am Straßenrand eine zweite Taube, sie humpelt, sie ist am Bein verletzt. Sie versucht, die Strasse zu überqueren. Die Ampel schaltet auf grün, auf zwei Spuren donnern die Autos heran. Die andere Taube landet und treibt die verletzte Gefährtin von der Strasse zurück auf den Gehsteig. Dieses Schauspiel wiederholt sich noch einige Male. Immer dann, wenn die Autos heranrasen, versucht das verletzte Tier auf die Strasse zu gelangen, wird aber von der gesunden Taube mit vollem Körpereinsatz daran gehindert.
Irgendwann jedoch, nach etlichen vergeblichen Versuchen, erreicht die verletzte Taube ihr Ziel. Mit letzter Kraft und einer Körpertäuschung, die eines Messi oder Ronaldo vollends würdig gewesen wäre, windet sie sich an ihrer Gefährtin vorbei, wirft sich die Strasse und stirbt einen schnellen Tod unter den ahnungslosen Breitreifen eines LKW.
Völlig verstört, mit taumelnden, hektischen Bewegungen flattert die zweite Taube in etwa 3 Meter Höhe über der Unfallstelle.
Ich bin ca. 10 Meter entfernt und spüre ihren Schmerz, ihre Ohnmacht und Verzweiflung bis in die letzte Zelle.
Die Ampel schaltet auf rot, die Strasse ist wieder frei. Die Taube landet bei ihrer toten Partnerin, tippelt um den plattgewalzten Körper herum. kurz von ihr fort, und dann und wieder zu ihr hin, als könne sie das Erlebte nicht fassen. Sie wirkt völlig desolat und ist offensichtlich total geschockt. Die nächste Welle Autos rollt an.
Die Taube zögert einen Augenblick, dann, unmittelbar vor den heranbrausenden Autos und in allerletzter Sekunde, fliegt sie auf, dreht noch drei Kreise über der Unfallstelle – und davon.

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